«Die BFI-Botschaft neu denken als strategischen Kompass»

30. Juni 2026
von Schweizerischer Wissenschaftsrat SWR, Geschäftsstelle
#deutsch #französisch #Bildungspolitik #Forschungspolitik #Innovationspolitik

Interview mit Prof. Dr. Sabine Süsstrunk, Präsidentin des Schweizerischen Wissenschaftsrates SWR. Der SWR hat seine Empfehlungen zur BFI-Botschaft 2029–2032 verabschiedet. Präsidentin Sabine Süsstrunk erklärt, warum gerade jetzt Weitsicht gefragt ist.

Der SWR hat dem Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI seine Empfehlungen zur BFI-Botschaft 2029–2032 übermittelt. Warum ist die BFI-Botschaft als Instrument gerade jetzt so wichtig?

Das Schweizer BFI-System – also alles, was Bildung, Forschung und Innovation umfasst – ist bis jetzt gut aufgestellt. Das ist die gute Nachricht. Gleichzeitig steht das BFI-System vor diversen Herausforderungen: rasanter technologischer Wandel, insbesondere durch künstliche Intelligenz, geopolitische Spannungen, wachsender Fachkräftemangel nicht nur in technischen und naturwissenschaftlichen Bereichen und ein angespannter Bundeshaushalt. In diesem Umfeld gewinnt die BFI-Botschaft an Bedeutung: Gezielt ausgerichtet auf diese Herausforderungen und kommende Transformationen und entsprechend weiterentwickelt, kann sie gemeinsame Ziele setzen, Prioritäten definieren und eine gemeinsame Orientierung der vielen Akteure im BFI-Bereich ermöglichen. Das ist in ruhigen Zeiten nützlich – in turbulenten Zeiten ist es unerlässlich. Diese Gelegenheit der Weiterentwicklung sollten wir nutzen.

Was meinen Sie damit konkret: «gezielt ausrichten»?

Die BFI-Botschaft ist vor allem ein finanzpolitisches Planungsinstrument – sie legt fest, wer wie viel Geld bekommt. Das ist wichtig, reicht aber heute nicht mehr aus. Wir empfehlen, die Botschaft zu einem strategischen Leitdokument weiterzuentwickeln: eines, das grundlegende, richtungsweisende Ziele setzt, systemische Risiken früh adressiert und die Koordination zwischen Bund, Kantonen und BFI-Akteuren kohärent gestaltet, um die Wettbewerbsfähigkeit und gesellschaftliche Resilienz der Schweiz nachhaltig zu sichern. Das klingt abstrakt, hat aber sehr konkrete Konsequenzen – etwa für die Frage, wie die Schweiz mit KI in der Forschung umgeht oder wie sie ihre internationale Einbindung gewährleistet. Sie können es sich wie einen Kompass vorstellen, der Ihnen in den Bergen oder auf See zuverlässig die Richtung weist.

Apropos internationale Einbindung: Wie gross ist das Risiko, dass die Schweiz den Anschluss verliert?

Das Risiko ist real – und man muss verstehen, warum: Die Schweiz verfügt über ein starkes BFI-System, ist aber ein kleines Land. Sie hat allein nicht die kritische Masse und ist auf den internationalen Austausch von Ideen, Talenten und Forschungsergebnissen angewiesen.

Programme wie Horizon Europe und Erasmus+ sind dabei weit mehr als nur Finanzierungsinstrumente. Sie ermöglichen unseren Forschenden den Zugang zu internationalen Netzwerken, setzen sie dem europäischen Wettbewerb aus – was die Qualität steigert – und decken gemeinsam die gesamte Kette von Bildung, Forschung und Innovation ab. Besonders wichtig wird das für das kommende europäische Forschungsrahmenprogramm FP10 ab 2028: Es stellt die europäische Wettbewerbsfähigkeit ins Zentrum und wird noch stärker Industrie und Unternehmen einbinden. Die Erfahrung der letzten Jahre zeigt, dass eine Nicht-Teilnahme an solchen Programmen den Zugang zu strategisch wichtigen Technologiefeldern erschwert und kostspielige nationale Kompensationsmassnahmen erfordert.

Gleichzeitig ist diese Einbindung politisch nicht gesichert. Die Assoziierung hängt von den Bilateralen III ab, und selbst danach müssen künftige Programme wie das europäische Rahmenprogramm ab 2028 jeweils neu verhandelt werden. Das schafft strukturelle Unsicherheit.

Deshalb empfehlen wir erstens, die Beteiligung am nächsten EU-Rahmenprogramm für Forschung und Innovation zur Priorität zu machen. Zweitens müssen vorsorglich nationale Ersatzmassnahmen bereitstehen, die im Fall eines Scheiterns rasch greifen und den Wegfall der komplementären EU-Forschungsprogramme bestmöglich auffangen. Vergangene Übergangs- und Ergänzungsmassnahmen waren wichtig, mussten aber sehr kurzfristig bereitgestellt werden und konnten die Komplementarität nur teilweise auffangen. Und drittens sollte die Schweiz ihre internationalen Kooperationen gezielt breiter aufstellen – ohne dabei die Bedeutung Europas aus den Augen zu verlieren.

Der Bundeshaushalt ist unter Druck, das «Entlastungspaket 27» sieht Sparmassnahmen auch im BFI-Bereich vor. Ist mehr Geld in dieser Lage überhaupt realistisch?

Das Entlastungspaket 27 ist ein aktuelles Beispiel für einen Druck, der das BFI-System schon länger begleitet und auch künftig nicht verschwinden wird. Für die BFI-Botschaft 2029–2032 wird es neue politische Rahmenbedingungen geben – aber die grundsätzliche Frage, wie viel eine Gesellschaft in Bildung, Forschung und Innovation investieren will, bleibt dieselbe. Der SWR ist überzeugt: Diese Investitionsentscheidung muss – gerade in unsicheren Zeiten – strategisch getroffen werden und darf nicht einfach dem Konsolidierungsdruck überlassen bleiben. Andere Länder investieren massiv in Forschung und Innovation, gerade auch in Schlüsseltechnologien wie die künstliche Intelligenz. Die Schweiz sollte alles daran setzen in solchen strategisch wichtigen Bereichen nicht ins Hintertreffen zu geraten. Sie kann sich langfristig nur über Wissen und Innovation behaupten – das war immer der Konsens, und er gilt heute mehr denn je.

Sie sprechen von Wissen als zentraler Ressource. Aber ist Wissen nicht einfach ein Mittel zum Zweck, namentlich für Wirtschaftswachstum und Innovationsfähigkeit?

Nein, und das ist ein wichtiger Punkt. Wissen ist durchaus, aber nicht nur ein wirtschaftlicher Produktionsfaktor. Es ist auch ein demokratisches Gut, ein Resilienzfaktor und eine kulturelle Ressource. Mit Resilienz meine ich hier die Stärkung einer offenen, toleranten Gesellschaft in einem demokratisch legitimierten Rechtsstaat. Wer Fördermittel zunehmend auf technologische Bereiche konzentriert, geht ein systemisches Risiko ein, denn Innovationen entstehen häufig genau an der Schnittstelle von Disziplinen. Die Geistes- und Sozialwissenschaften sind unentbehrlich, um technologische Entwicklungen gesellschaftlich einzubetten, regulatorisch zu rahmen und gesellschaftliche Innovationen voranzutreiben.

Deshalb empfehlen wir ein diversifiziertes Wissensportfolio. Eine solche Diversifizierung muss aber auch gesteuert werden, damit sie nicht beliebig wird. Ungesteuerte Vielfalt birgt das Risiko der Zersplitterung und einer unzureichenden Bündelung von Kräften in strategisch wichtigen Bereichen. Die BFI-Botschaft hat die Chance, das Spannungsverhältnis zwischen thematischer Fokussierung und institutioneller Vielfalt explizit zu thematisieren und einen differenzierten Steuerungsmechanismus zu entwickeln: Synergien gezielt fördern, kritische Masse in strategisch wichtigen Feldern aufbauen.

Und wie soll die BFI-Botschaft das konkret leisten? Sie ist doch letztlich ein politisches Dokument mit vielen Akteuren und Interessen.

Genau das ist die Herausforderung – und gleichzeitig die Chance. Der Schweizer Föderalismus fördert Vielfalt, institutionelle Eigenständigkeit und demokratische Teilhabe; das sind Stärken, die wesentlich zum Erfolg des Schweizer BFI-Systems beitragen. Gleichzeitig stellt er höchste Anforderungen an die Abstimmung zwischen Bund, Kantonen und Institutionen, insbesondere dort, wo gemeinsame Antworten auf übergreifende Herausforderungen notwendig sind.

Was wir uns vorstellen: Die BFI-Botschaft als strategischen Kompass; nicht nur als finanzpolitisches Planungsinstrument, sondern als gemeinsame Orientierung, die gleichzeitig Raum lässt für Agilität und unterschiedliche institutionelle Profile. Die Welt wird sich bis 2029 weiter verändern, das ist sicher. Aber wenn alle Akteure in denselben strategisch definierten Bereichen zusammenarbeiten – als Team –, entsteht systemische Wirkung, die über das hinausgeht, was jede Institution allein erreichen könnte. Dafür braucht es verbindliche Zusammenarbeit in strategisch relevanten Bereichen. Das ist kein Widerspruch, sondern es ist die Stärke eines gut gesteuerten föderalen Systems. Und dafür ist die BFI-Botschaft das Instrument, das es weiterzuentwickeln gilt, damit die BFI-Akteure mit abgestimmten Zielen und Strategien das BFI-System wechselseitig stärken.

Welches Thema aus den sieben Empfehlungsbereichen liegt Ihnen persönlich besonders am Herzen?

Schwer zu sagen – alle sieben sind mir wichtig! Da kann und sollte man auch nicht priorisieren, denn alle zusammen sind essenziell, um das BFI-Systems strategisch resilient und anpassungsfähig aufzustellen. Aber da das BFI-System die Aufgabe hat, eine informierte und urteilsfähige Gesellschaft zu gewährleisten, die auch digitale Inhalte kritisch beurteilen kann, möchte ich hier explizit die digitalen Mindestkompetenzen erwähnen. Wir empfehlen, dass grundlegende digitale Fähigkeiten – einschliesslich des kritischen Umgangs mit KI-generierten Inhalten – verbindlich auf allen Bildungsstufen und im lebenslangen Lernen verankert werden. Das klingt technisch, ist aber zutiefst demokratisch. Wer digitale Inhalte nicht kritisch beurteilen kann, ist anfällig für Desinformation. Nur wenn digitale Mindestkompetenzen für alle zugänglich und erworben sind, lässt sich verhindern, dass der technologische Wandel bestehende Ungleichheiten vertieft. Gleichzeitig lässt sich durch diese Befähigung die gesellschaftliche Widerstandsfähigkeit gegenüber Des- und Fehlinformationen stärken. Dies ist sowohl für die demokratische Teilhabe als auch für die gesellschaftliche Stabilität von grosser Bedeutung. Es ist also eine Frage gesellschaftlicher Resilienz – und der Erwerb der dafür notwendigen Kompetenzen beginnt spätestens in der Schule und erfordert lebenslanges Lernen.

Die vollständigen Empfehlungen des SWR zur BFI-Botschaft 2029–2032 sind auf der Website des SWR verfügbar.