Ein System, das von Spannungsfeldern lebt

12. Januar 2026
von Schweizerischer Wissenschaftsrat SWR, Geschäftsstelle
#deutsch #Forschungspolitik #Innovationspolitik #Wissenschaftspolitik

Die Schweiz gilt international als Land mit einem besonders leistungsfähigen Bildungs-, Forschungs- und Innovationssystem. Dieser Erfolg ist kein Zufall, sondern das Resultat bewusster institutioneller Entscheidungen – und einer bemerkenswerten Fähigkeit, tragfähige Strukturen zu schaffen. Doch Strukturen allein erklären den Erfolg nicht. Entscheidend ist, wie sie gelebt, interpretiert und weiterentwickelt werden. Im Gespräch mit Prof. Jean-Marc Piveteau, einem langjährigen Hochschulmanager, Beobachter und Mitgestalter des Systems, zeigt sich, dass das Schweizer Hochschulsystem weniger durch klare Trennlinien als durch produktive Spannungsfelder geprägt ist: Spannungsfelder zwischen Wissenschaft und Praxis, Offenheit und Eigeninteressen, Autonomie und Kooperation. Die Stärke des Systems liegt nicht darin, diese Spannungen aufzulösen – sondern darin, sie auszubalancieren.

Differenzierung statt «Akademisierung»: Vielfalt als Systemprinzip

Immer wieder wird die Sorge geäussert, Fachhochschulen entwickelten sich zunehmend in Richtung des universitären Modells und verlören dabei ihre Praxisnähe. Piveteau erachtet diese Diagnose als verkürzt. Zwar würden an Fachhochschulen in Forschungsgruppen vermehrt Personen mit universitärem Hintergrund rekrutiert, doch dies betreffe vor allem forschungsnahe Funktionen, nicht das eigentliche Professurenprofil.

Für Fachhochschulprofessuren bleibt berufliche Erfahrung ausserhalb der Hochschule zentral. Die Nähe zur Praxis ist kein Zusatz, sondern wesentlicher Bestandteil ihres Profils. Gleichzeitig muss, wer an Fachhochschulen forschen soll, Forschungskompetenz mitbringen – häufig erworben über ein Doktorat und ein Postdoc. Darin sieht Piveteau aber keine «Akademisierung», sondern eine funktionale Arbeitsteilung, die dem besonderen Profil der Fachhochschulen entspricht. Die unterschiedlichen Rollen und Profile sind daher nicht als Zeichen einer schleichenden Universitarisierung zu verstehen, sondern als konstitutives Merkmal einer stabilen, funktional differenzierten Systemlogik.

Diese Logik zeigt sich besonders deutlich bei den Bildungs- und Karrierewegen. Während universitäre Hochschulen stark auf lineare, international standardisierte Laufbahnen setzen, sind Fachhochschulen prinzipiell anders organisiert. Es gibt keinen idealtypischen FH-Karriereweg, der sich planen oder empfehlen liesse.

Typisch sind vielmehr biografische Brüche, Wechsel zwischen Sektoren, längere Praxisphasen und opportunitätsgetriebene Entscheidungen. Viele FH-Professor:innen kehren nicht aufgrund eines langfristigen Plans an die Hochschule zurück, sondern weil sich eine attraktive Gestaltungsmöglichkeit ergibt.

«Der Grundsatz der Laufbahn an einer Fachhochschule ist die Nicht-Linearität.»

Gerade deshalb müssen Fachhochschulen aktiv rekrutieren. Sie stehen in direkter Konkurrenz zur Privatwirtschaft und können oft mit den dortigen Löhnen nicht mithalten.. Was sie indessen anbieten können, sind Gestaltungsspielräume, Sinnorientierung und die Möglichkeit, an der Schnittstelle von Praxis, Lehre und Forschung zu wirken. Nicht-Linearität ist hier kein Makel, sondern systemische Voraussetzung. Allerdings entfaltet sie ihre Wirkung nur dann, wenn Praxisnähe institutionell gefördert wird – durch stabile Beziehungen zu Akteuren ausserhalb der Hochschule.

Praxisnähe braucht reale Innovationspartner

Für die Fachhochschulen bedeutet dies vor allem stabile und belastbare Beziehungen zur Wirtschaft – insbesondere zu kleinen und mittleren Unternehmen (KMU). Diese spielen eine Schlüsselrolle im Schweizer Innovationssystem: Eine enge Zusammenarbeit ermöglicht kurze Wege zwischen Forschung und Anwendung, senken die Einstiegshürden für Kooperationen und tragen wesentlich zur regionalen Verankerung von Wissen und Innovation bei.

Entsprechend deutlich reagiert Piveteau auf die Frage, welche Folgen ein Rückgang der finanziellen Beteiligung von KMU an anwendungsorientierten Forschungs- und Innovationsprojekten hätte. Ein solcher Rückzug wäre für ihn nicht primär ein Problem der Fachhochschulen, sondern ein strukturelles Risiko für die Innovationsfähigkeit der Schweiz insgesamt.

„Wenn die KMUs nicht mehr die Möglichkeit oder die adäquaten Rahmenbedingungen hätten, sich an Innovationsprojekten zu beteiligen, dann hätten wir ein deutlich anderes Problem in der Schweiz.“

Gleichzeitig warnt Piveteau vor vorschnellen Diagnosen. Ob und in welchem Ausmass sich ein Rückgang der KMU-Beteiligung abzeichnet, lasse sich nicht pauschal beantworten. Die Entwicklungen seien komplex, teilweise sektorspezifisch und stark von den jeweiligen Rahmenbedingungen abhängig. Hinweise aus Studien – etwa auf steigende Projektkomplexität oder wachsende Infrastrukturkosten – müssten ernst genommen und differenziert analysiert werden, bevor daraus politische oder institutionelle Schlussfolgerungen gezogen würden.

Gerade an diesem Punkt wird die systemische Dimension sichtbar. Wenn gemeinsame Forschungs- und Innovationsprojekte an finanziellen, regulatorischen oder infrastrukturellen Hürden scheitern, stellt sich nicht nur die Frage nach der Beteiligung der KMU, sondern nach der Ausgestaltung des gesamten Förder- und Kooperationsrahmens. Piveteau deutet hier an, dass bestehende Finanzierungslogiken – etwa die strikte Kostendeckung bei Dienstleistungen oder gemeinsamer Infrastruktur – für kollaborative Innovationsformen mitunter hinderlich sind.

Ansätze wie Open Innovation oder industriepartnerschaftliche, themenorientierte Forschung können helfen, solche Hürden zu überwinden. Sie erfordern jedoch neue Formen der Zusammenarbeit, der gemeinsamen Nutzung von Infrastruktur und der geteilten Verantwortung zwischen Hochschulen, Wirtschaft und öffentlicher Hand. Damit rücken Fragen in den Vordergrund, die über einzelne Projekte hinausweisen: Wie offen kann und soll Zusammenarbeit sein? Wo liegen legitime Schutzinteressen? Und welche institutionellen Rahmenbedingungen braucht es, um Offenheit, Praxisnähe und Qualität miteinander zu verbinden?

Mit diesen Fragen öffnet sich das nächste Spannungsfeld – jenes zwischen Open Science und Knowledge Security –, das exemplarisch zeigt, wie sehr Innovationsfähigkeit von der Fähigkeit abhängt, Offenheit nicht nur zu fordern, sondern systemisch zu gestalten.

Kooperation mit System

Die Fähigkeit, Spannungsfelder im Wissenschaftssystem produktiv zu gestalten, ist kein Zufallsprodukt. Sie beruht auf institutionellen Voraussetzungen, die Kooperation nicht nur ermöglichen, sondern aktiv einfordern und absichern. In dieser Hinsicht markierte die Einführung des Hochschulförderungs- und -koordinationsgesetzes (HFKG) im Jahr 2015 einen grundlegenden Einschnitt für die Schweizer Hochschullandschaft.

Piveteau spricht von einem eigentlichen Systemwechsel. Mit dem HFKG wurden Zuständigkeiten geklärt, Steuerungsmechanismen professionalisiert und das Hochschulsystem als Ganzes gestärkt. Vor allem aber schuf das Gesetz erstmals einen verbindlichen Rahmen, in dem Kooperation zwischen den Hochschultypen nicht die Ausnahme, sondern Teil der Systemlogik wurde. Die institutionelle Verankerung von swissuniversities als gemeinsame Konferenz und operatives Organ aller Hochschulen erwies sich dabei als zentraler Hebel.

„Die Welt vor der HFKG und die Welt nach der HFKG sind ganz anders.“

Diese neue Kooperationsfähigkeit ist kein Selbstzweck. Sie wird dort besonders relevant, wo komplexe, hochschulübergreifende Herausforderungen auftreten – etwa im Spannungsfeld zwischen Open Science und Knowledge Security. Piveteau betont, dass sich hier tatsächlich unterschiedliche Logiken gegenüberstehen: wissenschaftliche Offenheit als Kern von Qualität und Fortschritt einerseits, legitime Schutzinteressen andererseits. Dieses Spannungsfeld sei jedoch weder neu noch grundsätzlich problematisch. Neu sei vielmehr die institutionelle Erwartung, dass solche Fragen gemeinsam bearbeitet werden.

Open Science bleibt für Piveteau ein nicht verhandelbares Prinzip wissenschaftlicher Exzellenz. Offene Daten erhöhen Transparenz, Reproduzierbarkeit und Geschwindigkeit wissenschaftlicher Erkenntnis. Gleichzeitig sind Risiken wie Dual Use real und verlangen Aufmerksamkeit. Knowledge Security ist in diesem Verständnis kein Gegenentwurf zur Offenheit, sondern eine Frage verantwortungsvoller Steuerung: durch Sensibilisierung, klare Regeln und institutionenübergreifende Mechanismen. Entscheidend ist dabei nicht die Wahl einer Seite, sondern die Fähigkeit, eine tragfähige Balance herzustellen.

„So offen wie möglich, so sicher wie notwendig.“

Gerade diese Balance lässt sich nicht durch Einzelinstitutionen oder isolierte Massnahmen sichern. Sie erfordert Koordination, gemeinsame Standards und Vertrauen zwischen Akteuren mit unterschiedlichen Interessen. Dass dies funktionieren kann, zeigt das Beispiel der Delegation Open Science (DelOS). Die DelOS ist kein Zufallsprodukt, sondern Ausdruck genau jener Kooperationslogik, die mit dem HFKG möglich wurde. Ein klar definierter und relevanter Auftrag, eine handhabbare Gruppengrösse, gesicherte Finanzierung, eine spezifische Zusammensetzung mit echter Entscheidungsbefugnis sowie engagierte Personen bilden die Grundlage für ein handlungsfähiges, dynamisches Gremium.

DelOS kann komplexe Themen wie Open Access und Open Research Data nicht nur diskutieren, sondern pragmatische Lösungen entwickeln und umsetzen. Kooperation ist hier nicht bloss Koordination, sondern eine produktive Arbeitsform – getragen von klaren Strukturen und professioneller Unterstützung durch das Generalsekretariat von swissuniversities. Der Erfolg der DelOS zeigt exemplarisch, dass Kooperation dann wirkt, wenn sie institutionell ernst genommen und entsprechend ausgestattet wird.

Umso grösser ist Piveteaus Sorge angesichts aktueller Sparmassnahmen. Gerade Kooperationsinstrumente geraten häufig als erstes unter Druck, weil ihre Budgets vergleichsweise klein sind und ihre Wirkung nicht unmittelbar sichtbar wird. Systemisch sind sie jedoch hochwirksam. Werden sie geschwächt, leidet nicht nur die Zusammenarbeit an sich, sondern die Fähigkeit des Systems, mit seinen eigenen Spannungsfeldern umzugehen.

„Wenn dort gespart wird, ist das mittel- und langfristig äusserst schädlich für den Hochschulplatz Schweiz.“

Kooperation erweist sich damit als eine Form von systemischer Infrastruktur: Sie ist nicht spektakulär, aber tragend. Sie entscheidet darüber, ob Differenzierung, Offenheit und Praxisnähe produktiv zusammenspielen – oder ob sie zu Reibungsverlusten werden. Das HFKG hat hierfür die Grundlagen geschaffen. Ob diese auch künftig tragen, hängt davon ab, ob diese Infrastruktur gepflegt, weiterentwickelt und politisch geschützt wird.

Fazit: Stärke durch gestaltete Spannung

Das Gespräch mit Jean-Marc Piveteau macht deutlich, worin die eigentliche Stärke des Schweizer Hochschulsystems liegt: nicht in der Vereinheitlichung, sondern in der bewussten Differenzierung. Nicht im Abbau von Spannungen, sondern in ihrer Gestaltung. Und nicht zuletzt in der Bereitschaft, in Kooperation zu investieren – auch dann, wenn ihr Nutzen nicht sofort sichtbar ist.

Die Schweiz hat in den letzten Jahrzehnten bewiesen, dass sie solche Systeme bauen kann. Die Herausforderung der kommenden Jahre wird sein, diese Fähigkeit nicht durch Kurzfristigkeit oder Vereinfachung zu gefährden. Denn ein System, das von Spannungsfeldern lebt, bleibt nur dann leistungsfähig, wenn es sie ernst nimmt, ihre Balance nicht als Zustand, sondern als dauerhafte Gestaltungsaufgabe versteht und alles daransetzt, diese Balance durch kontinuierliche Bearbeitung zu sichern.