Was bewirkt die thematische Forschungsförderung?

02. Oktober 2026
von Sven Hug
#Wissenschaftspolitik #Policy Advice #Innovationspolitik #Forschungspolitik #deutsch

Politik und Förderorganisationen erwarten zunehmend, dass Forschung nicht nur neues Wissen hervorbringt, sondern auch zur Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen beiträgt. In diesem Beitrag beleuchtet Sven Hug anhand aktueller Forschungsliteratur, welche Wirkungen themenorientierte Förderinstrumente tatsächlich entfalten und wo weiterhin Wissenslücken bestehen.

Die Herstellung von Wissen, das auch in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik genutzt werden kann, gehört seit Langem zur Funktion der Wissenschaft. Seit den 1990er-Jahren und insbesondere nach der Jahrtausendwende ist jedoch die Erwartung gewachsen, dass Forschung neben wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritten auch nachweisbare Wirkungen ausserhalb des Wissenschaftssystems erzielen soll. In der Folge wurde der ausserwissenschaftliche und insbesondere der gesellschaftliche Nutzen («societal impact») zunehmend als eigenständiges Ziel in der Forschungsförderung und Forschungspolitik verankert. So führte die National Science Foundation in den USA im Jahr 1997 «Broader Impacts» neben «Intellectual Merit» als zentrales Beurteilungskriterium für Fördergesuche ein. Und in den UK wurde «Impact» im Research Excellence Framework 2014 erstmals als eigenständige Dimension in die landesweite Evaluation der Forschungsleistungen von Hochschulen aufgenommen. Zu dieser Entwicklung gehört auch die missionsorientierte Forschungspolitik, wie sie die EU seit 2021 im Rahmen von Horizon Europe verfolgt.

Diese neue Wirkungserwartung hat eine umfangreiche wissenschaftliche Literatur zur Erfassung und Bewertung des «societal impact» von Forschung hervorgebracht. Deutlich weniger untersucht sind hingegen die Wirkungen themenorientierter Förderinstrumente, mit denen Forschungsaktivitäten gezielt auf politisch oder gesellschaftlich priorisierte Themenbereiche ausgerichtet werden. Im Englischen werden solche Ansätze als «targeted», «thematic», «challenge-oriented» und «mission-oriented research funding» bezeichnet. Was ist bislang über die Wirkungen solcher Förderinstrumente bekannt?

Madsen und Nielsen (2024) zeigen in den UK, dass Forschende mit thematischer Förderung ihre Forschungsschwerpunkte stärker verändern als vergleichbare Forschende mit themenoffener Förderung, nach Ablauf der Förderung jedoch häufig wieder zu ihren ursprünglichen Forschungsinteressen zurückkehren. Traag et al. (2026) finden demgegenüber anhand von Förderprogrammen in Norwegen und der Schweiz keine eindeutigen Hinweise darauf, dass themenorientierte Förderung zu stärkeren Veränderungen der Forschungsschwerpunkte führt als themenoffene Förderung. Fajardo-Ortiz et al. (2026) stellen im Rahmen der EU-Förderung im Bereich Gesundheit fest, dass sich strategische Förderprioritäten deutlich in den von den Forschenden verfassten Projektbeschreibungen, jedoch nur teilweise in den daraus hervorgegangenen Publikationen niederschlagen. Mancuso und Broström (2026) finden anhand von Publikationsdaten in Schweden Hinweise darauf, dass bereits die Gesuchstellung die thematische Ausrichtung von Forschenden beeinflusst, unabhängig davon, ob ein Projekt letztlich gefördert wird oder nicht. Ramos-Vielba et al. (2024) zeigen anhand von Fallstudien aus Dänemark, den Niederlanden und Norwegen, dass Förderinstrumente, die auf gesellschaftliche Herausforderungen ausgerichtet sind, die inter- und transdisziplinäre Zusammenarbeit, die Orientierung an gesellschaftlichen Problemen sowie die Nutzung von Forschungsergebnissen durch gesellschaftliche Akteure fördern können. Schliesslich findet Blume-Kohout (2012) bei der auf bestimmte Krankheiten ausgerichteten Forschungsförderung in den USA Hinweise darauf, dass zusätzliche Fördermittel die Medikamentenentwicklung begünstigen. Dieser Zusammenhang zeigt sich allerdings nur in den frühen klinischen Entwicklungsphasen (Phase I), nicht jedoch in den späteren Phasen (Phase III).

Insgesamt zeigen die Studien, dass themenorientierte Förderung Forschung in politisch oder gesellschaftlich priorisierte Richtungen lenken kann, ihre Steuerungswirkung jedoch weder durchgehend noch notwendigerweise dauerhaft ist. Am deutlichsten sind die Wirkungen bei der Gesuchstellung, der Projektformulierung und der Gestaltung der Forschungspraxis erkennbar. Weniger klar sind sie bei Publikationen, der längerfristigen Veränderung von Forschungsschwerpunkten sowie der Wirkung über die Wissenschaft hinaus. Auffallend ist zudem, dass nur wenige der Studien die gesellschaftliche und wirtschaftliche Wirkung untersuchen – obwohl gerade diese Wirkung das Hauptziel der themenorientierten Forschungsförderung ist.

Wenn die Forschungspolitik den Anspruch erhebt, dass themenorientierte Forschungsförderung Wirkungen ausserhalb der Wissenschaft erzielen soll, wäre es folgerichtig, diese Wirkungen verstärkt und systematisch zu untersuchen, auch in der Schweiz. Dies kann durch wissenschaftliche Studien oder durch Evaluationen im Auftrag der öffentlichen Verwaltung erfolgen. Soll die Forschung zudem dauerhaft auf gesellschaftliche Herausforderungen ausgerichtet werden, müssen dafür Fördermittel verlässlich und längerfristig bereitgestellt werden.

Literatur

Blume-Kohout, M. E. (2012). Does targeted, disease-specific public research funding influence pharmaceutical innovation? Journal of Policy Analysis and Management, 31(3), 641–660. https://doi.org/10.1002/pam.21640

Traag, V. A., Brady, E., Simón-Martínez, C., Rafols, I., & Schneider, J. W. (2026). Does targeted research funding reshape research landscapes? Research on Research Institute (RoRI), Working Paper. https://doi.org/10.6084/m9.figshare.31282411

Fajardo-Ortiz, D., Thijs, B., Glänzel, W., & Sipido, K. R. (2026). Evolution of public funding for collaborative health research towards higher-level patient-oriented research: A comparison of the European Union Framework Programmes to the program funding by the United States National Institutes of Health. Quantitative Science Studies, 7, 717–742. https://doi.org/10.1162/QSS.a.472

Madsen, E. B., & Nielsen, M. W. (2024). Do thematic funding instruments lead researchers in new directions? Strategic funding priorities and topic switching among British grant recipients. Research Evaluation. https://doi.org/10.1093/reseval/rvae015

Mancuso, R., & Broström, A. (2026). Do mission-oriented grant schemes shape the direction of science? Research Policy, 55(1), 105360. https://doi.org/10.1016/j.respol.2025.105360

Ramos-Vielba, I., Bloch, C., Thomas, D. A., Povlsen, R. E., Falkenberg, M. L., & Stage, A. K. (2024). How can societally-targeted research funding shape researcher networks and practices? Research Evaluation. https://doi.org/10.1093/reseval/rvae019

Mit diesem Beitrag verabschiedet sich Sven Hug von der Geschäftsstelle des Schweizerischen Wissenschaftsrates SWR, der er für sieben Jahre angehört hat. Er übernimmt beim Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI die Leitung der Gruppe Datenbanken und Auswertungen.