«Wir brauchen jetzt eine nationale KI-Infrastrukturstrategie»

12. Mai 2026
von Schweizerischer Wissenschaftsrat SWR, Geschäftsstelle
#deutsch #Forschungspolitik #Innovationspolitik #Policy Advice #Wissenschaftspolitik

Die Zukunft der KI-Forschung entscheidet sich nicht nur an den Hochschulen, sondern auch in der Infrastruktur, die sie trägt. Der Schweizerische Wissenschaftsrat SWR empfiehlt deshalb eine nationale Strategie für KI-Recheninfrastruktur. Im Interview legt die Präsidentin des SWR, Sabine Süsstrunk, dar, welche strukturellen Herausforderungen bestehen, welche Lösungen notwendig sind und warum jetzt der richtige Zeitpunkt zum Handeln ist.

Frau Präsidentin, warum ist das Thema KI-Recheninfrastruktur derzeit so dringlich?

Künstliche Intelligenz verändert die Wissenschaft in einem Tempo, das kaum jemand vorhergesehen hat. Wer heute in der Forschung mithalten will – ob in der Medizin, den Materialwissenschaften oder den Sozialwissenschaften – braucht nicht nur gute Ideen und kluge Köpfe, sondern auch eine geeignete Recheninfrastruktur mit ausreichend Rechenressourcen, um grosse Datenmengen zu verarbeiten. Der SWR versteht unter Rechenressourcen alle notwendigen Komponenten, Dienstleistung und Personal, die erforderlich sind, um sie für den Endnutzer nutzbar zu machen. Das geht also weit über die reine Rechenkapazität hinaus. Für die Schweiz ergibt sich daraus ein klarer Handlungsauftrag: Sie braucht jetzt eine nationale Strategie für KI-Recheninfrastruktur.

Wie ist die Ausgangslage in der Schweiz?

Die Schweiz verfügt über exzellente Hochschulen und eine starke Forschungstradition. Gleichzeitig sehen wir bei der Recheninfrastruktur einen deutlichen Handlungsbedarf.

Wir haben im Schweizerischen Wissenschaftsrat untersucht, welche Kapazitäten die akademische Forschung hat, um datenintensiv mit und an KI zu arbeiten bzw. zu forschen. Dabei verstehen wir Recheninfrastruktur bewusst breit: Es geht nicht nur um Hardware, sondern um alle Komponenten und Dienstleistungen inkl. Personal, die notwendig sind, um Rechenressourcen überhaupt nutzbar zu machen. Unsere Analysen, die auf nationalen und internationalen Interviews basieren, zeigen ein differenziertes, aber klares Bild: Die vielfältige akademische Landschaft der Schweiz ist derzeit nicht optimal auf künftige rechenintensive Forschung, wie zum Beispiel an und mit KI, vorbereitet. Das heisst, wir sehen strukturelle Schwächen. Gleichzeitig sind sich die Hochschulen der Situation bewusst und arbeiten aktiv daran, ihre Systeme weiterzuentwickeln bzw. auszubauen.

Die gute Nachricht: Die Schweiz hat die institutionellen Voraussetzungen, um diese Herausforderung zu meistern. Was fehlt, ist eine gemeinsame Strategie.

Wo liegen die grössten Herausforderungen?

Die bestehenden Recheninfrastrukturen sind mit Blick auf zukünftige Anforderungen teilweise nicht ausreichend dimensioniert und veralten rasch. Hinzu kommt, dass die Ressourcenplanung schwierig ist: Der künftige Bedarf lässt sich ebenso wenig zuverlässig abschätzen wie die Auswirkungen technologischer Fortschritte.

Ein weiterer Punkt sind Fragen rund um Datenschutz, Datensicherheit und digitale Souveränität. Sie führen häufig dazu, dass Institutionen auf eigene, lokal betriebene Systeme setzen – die jedoch teuer und aufwändig zu unterhalten sind. Und schliesslich stehen auch die Hochschulen im Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte, was es zunehmend schwierig macht, erfahrene KI-Spezialistinnen und -Spezialisten zu halten.

Was bedeutet das für die Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Forschung?

Diese Herausforderungen sind nicht nur technischer Natur. Sie wirken sich direkt auf die Qualität und Wettbewerbsfähigkeit der Forschung aus. Wenn die akademische Forschung bei der Recheninfrastruktur nicht mit der industriellen Entwicklung Schritt halten kann, gerät sie ins Hintertreffen – insbesondere in einem Umfeld, in dem private Unternehmen eine immer grössere Rolle spielen.

 

Oft wird die Abwanderung von KI-Forschenden in die Industrie thematisiert. Wie ordnen Sie das ein?

Die Abwanderung ist aus unserer Sicht eher ein Symptom als die eigentliche Ursache. Sie verweist auf strukturelle Defizite.

Im Kern geht es darum, Recheninfrastruktur nicht isoliert zu denken, sondern als integriertes Gesamtsystem. Eine solche Infrastruktur muss unterschiedliche Bedürfnisse abdecken – von sehr hoher Rechenleistung bis hin zu kleineren, flexiblen Anwendungen. Gleichzeitig müssen Aspekte wie Interoperabilität, Daten, Energie und Expertise mitgedacht werden. Das erfordert einen ganzheitlichen Ansatz und entsprechend koordinierte Massnahmen.

Was empfiehlt der Wissenschaftsrat konkret?

Wir empfehlen den Aufbau einer langfristigen nationalen KI-Infrastrukturstrategie. Im Zentrum steht ein mehrstufiges Recheninfrastruktursystem, das nicht nur technische Fragen adressiert, sondern auch Governance und Finanzierung umfasst.

Wie muss man sich ein solches System vorstellen?

Nicht alle Forschenden brauchen einen Supercomputer – aber alle brauchen Zugang zu passenden Rechenressourcen. Dazu gehören neben Hardware auch Daten einschliesslich Software, Betrieb, Support und wissenschaftliche Unterstützung sowie weitere Voraussetzungen wie beispielsweise Energie und Kühlung.

Das System, das wir vorschlagen, verbindet verschiedene Ebenen: von internationalen Supercomputing-Infrastrukturen über eine nationale Hochleistungsrecheninfrastruktur bis hin zu regionalen Zentren und lokalen Expertengruppen an den Hochschulen.

Welche Rolle spielt dabei die Interoperabilität?

Eine zentrale. Die verschiedenen Ebenen sollen nicht nebeneinander existieren, sondern miteinander verbunden sein. Das heisst, sie müssen kommunizieren und Daten austauschen können, und Software muss ebenenübergreifend nutzbar sein. Das erhöht die Effizienz und ermöglicht es den Forschenden, je nach Bedarf flexibel auf die geeigneten Ressourcen zuzugreifen.

Braucht es dafür neue institutionelle Strukturen?

Ja. Eine nationale Infrastruktur braucht auch eine entsprechende Koordination. Wir empfehlen ein unabhängiges strategisches Leitungsorgan, das vom Bundesrat eingesetzt wird und über die notwendige Entscheidungskompetenz sowie eine gesicherte langfristige Finanzierung verfügt.

Dieses Gremium soll die Strategie entwickeln, die Umsetzung begleiten und unterschiedliche Fachperspektiven zusammenbringen. Wichtig ist dabei auch, dass die relevanten Akteure angemessen vertreten sind, die Grösse des strategischen Leitungsorgans aber so dimensioniert ist, dass eine effiziente Steuerung gewährleistet ist.

Wie lässt sich eine solche Infrastruktur nachhaltig finanzieren?

Recheninfrastruktur ist eine Daueraufgabe. Projektmittel können eine wichtige Ergänzung sein, reichen aber nicht aus, um die notwendige Stabilität und strategische Planbarkeit zu gewährleisten.

Deshalb braucht es eine langfristige Finanzierungsgrundlage für alle Ebenen des Systems. Dabei sollte das Prinzip gelten, dass Kosten gedeckt werden, ohne dass Gewinne aus öffentlichen Einrichtungen, wie zum Beispiel Hochschulen, erzielt werden.

Welche Rolle spielt die Zusammenarbeit zwischen Hochschulen, Politik und Wirtschaft?

Die Schweiz hat eine vielfältige, dezentral organisierte Hochschullandschaft. Ein nationales System bedeutet aber keine Vereinheitlichung, sondern schafft eine gemeinsame Grundlage.

Wichtig ist, dass die KI-Infrastrukturstrategie mit wirtschaftspolitischen Zielsetzungen verknüpft wird. So kann insbesondere die Einbindung von KMU zusätzlichen Mehrwert schaffen und die Wirkung über die akademische Forschung hinaus erweitern.

Dafür reicht ein reiner Dialog nicht aus. Es braucht eine verbindliche Zusammenarbeit zwischen Hochschulen, Bund und Kantonen, um geeignete Mechanismen gemeinsam zu entwickeln, umzusetzen und langfristig zu finanzieren.

Was heisst das konkret für die nächsten Schritte?

Die Schweiz ist grundsätzlich gut aufgestellt – aber sie muss jetzt handeln. Die Entwicklungen im Bereich KI sind sehr dynamisch, und die Zeitfenster für strategische Entscheidungen sind begrenzt.

Eine nationale KI-Infrastrukturstrategie ist deshalb keine Frage des Ob, sondern des Wie und des Wann. Unsere Empfehlungen bieten eine fundierte Grundlage, um diese nächsten Schritte anzugehen.

 

Publikation: Synergise. Strategise. Realise.