Die Perspektive des SWR in Kürze
Das BFI-System der Schweiz verfügt über eine gute Ausgangslage und steht gleichzeitig vor strukturellen Herausforderungen: die zunehmende Geschwindigkeit des technologischen Wandels, insbesondere durch künstliche Intelligenz, geopolitische Unsicherheiten, der wachsende Fachkräftemangel nicht nur in technischen und naturwissenschaftlichen Bereichen sowie drohende Sparmassnahmen. Diese Herausforderungen eröffnen konkrete Ansätze zur Weiterentwicklung und bieten Gelegenheit zur Gestaltung. Wird der nationale und internationale Druck als Chance genutzt, um bestehende Strukturen im BFI-System gezielt zu modernisieren und Schwächen gezielt anzugehen, kann das BFI-System langfristig gestärkt werden. Die BFI-Botschaft hat bisher als finanzpolitisches Planungsinstrument gute Dienste geleistet. Durch den zunehmenden nationalen und internationalen Druck bietet sich nun die Gelegenheit, sie zu einem strategischen Leitdokument weiterzuentwickeln. Als solches kann sie grundlegende, richtungsweisende Ziele setzen, systemische Risiken frühzeitig adressieren und die Governance des BFI-Systems kohärent ausrichten, um die Wettbewerbsfähigkeit und gesellschaftliche Resilienz der Schweiz nachhaltig zu sichern. Diese Weiterentwicklung eröffnet die Möglichkeit, über die Konsolidierung bestehender Strukturen hinauszuwachsen und auf internationaler Offenheit, systemischer Anpassungsfähigkeit und gesellschaftlicher Verankerung aufzubauen. Ein zukunftsfähiges BFI-System ist gut positioniert, wenn es über eine stabile, institutionell abgesicherte Einbettung in europäische und globale Forschungsräume sowie Innovationszentren verfügt und über die nötige systemische Resilienz. Diese ermöglicht es, auf tiefgreifende Herausforderungen wie technologische Brüche, Krisen und geopolitische Verwerfungen reagieren zu können, ohne an Leistungsfähigkeit einzubüssen. Dafür braucht es ein agiles BFI-System und, bei aller Notwendigkeit, die finanziellen Rahmenbedingungen flexibel zu gestalten, eine ausreichende Grundfinanzierung, die Planungssicherheit schafft und strategische Ziele mit verfügbaren Mitteln in Einklang bringt. Ebenso zentral ist die konsequente Verankerung von Digitalisierung und neuen Technologien (z. B. KI) auf allen Bildungsstufen, in der Weiterbildung und im lebenslangen Lernen. Für die systemische Resilienz und Anpassungsfähigkeit ist eine mehrdimensionale Betrachtung von Wissen unerlässlich. Wissen ist nicht nur ein wirtschaftlicher Produktionsfaktor, sondern auch ein demokratisches Gut, ein Resilienzfaktor und eine kulturelle Ressource. Die Tendenz, Fördermittel zunehmend auf technologische Bereiche zu konzentrieren, birgt systemische Risiken. Denn Innovationen entstehen häufig an der Schnittstelle von Disziplinen, und die interpretative Kapazität der Geistes- und Sozialwissenschaften ist unentbehrlich, um technologische Entwicklungen gesellschaftlich einzubetten und regulatorisch zu rahmen sowie gesellschaftliche Innovationen voranzutreiben. Diversität im Wissensportfolio ist eine wesentliche Quelle von Anpassungs- und Innovationsfähigkeit. Gleichzeitig birgt eine ungesteuerte Vielfalt das Risiko der Zersplitterung und unzureichenden Bündelung von Kräften in prioritären Bereichen. Die BFI-Botschaft hat hier die Chance, das Spannungsverhältnis zwischen thematischer Fokussierung und institutioneller Diversität explizit zu thematisieren und einen differenzierten Steuerungsmechanismus für das Wissensportfolio zu entwickeln. So lassen sich Synergien gezielt fördern und kritische Masse in strategisch wichtigen Feldern aufbauen. Der Schweizer Föderalismus fördert Vielfalt und demokratische Teilhabe, er kann im BFI-Bereich jedoch strukturell hemmend wirken, da er eine gesamtschweizerische kohärente BFI-Politik erschwert. Um dem entgegenzuwirken, kann die BFI-Botschaft konkret aufzeigen, in welchen strategischen Bereichen Koopetition (1) und Systemness (2) angestrebt werden und umzusetzen sind, um das Spannungsfeld zwischen nationaler Steuerung und kantonaler Autonomie produktiv zu gestalten.
Fazit: Die Weiterentwicklung des BFI-Systems und seiner Botschaft erfordert den politischen Willen, stabile und planungssichere Investitionen zu gewährleisten, die internationale Vernetzung institutionell zu sichern und das System für kommende Transformationen adaptiv aufzustellen. Gelingt dies, auf Basis sorgfältig begründeter Massnahmen, deren mittel- und langfristige Auswirkungen hinreichend analysiert wurden und die im Einklang mit der verfolgten BFI-Strategie stehen, ist die Schweiz gut positioniert, ihre führende Rolle im globalen BFI-Raum zu halten und nachhaltig zu stärken.
(1) Koopetition als verbindliche Zusammenarbeit in strategisch relevanten Feldern (z. B. KI-Forschung, Grossinfrastrukturen) bei gleichzeitig erhaltener institutioneller Eigenständigkeit und Wettbewerb, als Alternative sowohl zu ineffizienter Konkurrenz als auch zu einer uniformierenden Fusion.
(2) Systemness für ein kohärentes BFI-System, das nicht als Summe autonomer Institutionen handelt, sondern als strategisch abgestimmtes Gefüge mit gemeinsamer Zielorientierung, klar verteilten Rollen und institutionalisierter Koordination. Basierend auf freiwillig vereinbarter Rollenverteilung, gemeinsamen Qualitätsmassstäben und einer übergeordneten Steuerungskapazität, die Bund, Kantone und Institutionen verbindlich einbindet.
