Gleichwertig, aber anders: Was Fachhochschulen wirklich auszeichnet
Fachhochschulen sind keine zweitklassigen Universitäten – und dürfen es auch nicht werden. Doch das Profil ist fragiler, als es scheint. Der Schweizerische Wissenschaftsrat hat im März 2026 ein Expertengespräch mit Daniel Schönmann geführt, Leiter des Amts für Hochschulen der Bildungs- und Kulturdirektion des Kantons Bern. In diesem Beitrag geht es um die Rolle der Fachhochschulen im schweizerischen Forschungs- und Innovationssystem, die Analyse ihrer strukturellen Stärken und realen Risiken sowie um offene Systemfragen in einen breiteren hochschulpolitischen Kontext.
Ein Missverständnis in der Debatte
Wer über Fachhochschulen spricht, tappt schnell in eine Falle: Man vergleicht sie mit Universitäten – und bewertet sie nach Massstäben, die für einen anderen Hochschultypus entwickelt wurden. Drittmittel vom Nationalfonds, Publikationen in Peer-reviewed Journals, Zitationsindizes – das sind Kriterien, die die Exzellenz universitärer Forschung sichtbar machen sollen. Für Fachhochschulen sind sie aber weitgehend ungeeignet.
Das ist keine Schwäche. Es ist Systemlogik. Fachhochschulen sind nicht dazu da, dasselbe wie Universitäten zu tun – nur mit weniger Ressourcen und einem anderen Publikum. Sie sind dazu da, etwas anderes zu tun: anwendungsorientiert zu forschen, praxisnah auszubilden und Innovation dort zu ermöglichen, wo sie wirtschaftlich und gesellschaftlich gebraucht wird. Dieses Profil ist nicht Resultat eines Kompromisses, sondern einer bewussten bildungspolitischen Entscheidung.
Trotzdem steht es unter Druck. Und die Gefahr kommt nicht von aussen – sie kommt von innen, wie Schönmann im Gespräch mit dem SWR mehrfach betonte.
Die strukturelle Stärke: Der Anwendungspartner als Trumpf
Was Fachhochschulen von Universitäten systematisch unterscheidet, ist nach Schönmanns Einschätzung die strukturelle Einbindung von Anwendungspartnern in die Forschung. Ein Forschungsprojekt an einer Fachhochschule ist selten ein rein akademisches Unternehmen. Fast immer ist jemand dabei, der mit der untersuchten Fragestellung direkt zu tun hat – eine Firma, ein Spital, eine Sozialorganisation, eine Behörde. Das Resultat sind Partnerschaften, die sich direkt kommunizieren lassen und die Forschung nach aussen sichtbar machen.
«Wenn das gut läuft, haben die Fachhochschulen in den Projekten eigentlich immer gerade Testimonials aus der Praxis griffbereit – etwas, womit universitäre Hochschulen viel seltener arbeiten können.»
Diese Konstellation hat weitreichende Folgen. Sie macht den gesellschaftlichen Nutzen der Forschung direkt sichtbar, schafft Legitimation gegenüber der Politik und der Öffentlichkeit und erleichtert die Kommunikation von Forschungsergebnissen ausserhalb der akademischen Welt. In Zeiten knapper werdender öffentlicher Mittel ist das ein echter Vorteil.
Gleichzeitig ist es ein zweischneidiges Schwert. Dieselben Anwendungspartner, die der Fachhochschule Legitimation verleihen, können ihr auch schaden – wenn sie den Eindruck gewinnen, die Hochschule sei «zu abgehoben» oder «zu weit weg von der Praxis». Die Logik dreht sich dann um: Statt als Zeugen für die Qualität und Nützlichkeit der Forschung aufzutreten, werden Unternehmensvertreterinnen oder Organisationsleitende zu Kritikern. Das Praxisprofil ist also keine statische Errungenschaft, sondern muss aktiv gepflegt werden.
Der Strukturwandel als Belastungsprobe
Fachhochschulen sind dem wirtschaftlichen Strukturwandel stärker direkter ausgesetzt als Universitäten. Das liegt in ihrer DNA: Wer mit Anwendungspartnern forscht, ist abhängig von deren Innovationskraft, Investitionsbereitschaft und strategischem Horizont. Und genau hier zeigen sich Risse.
Die enge Partnerschaft zwischen Fachhochschulen und kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) – traditionell das Rückgrat der schweizerischen Fachhochschulforschung – gerät unter Druck. Nicht weil die KMU verschwinden, sondern weil sich ihr Innovationsverhalten verändert hat. Innovative Unternehmen sind heute häufig als Startups konzipiert, die auf einen Aufkauf ihrer Technologie hoffen, statt langfristige Forschungspartnerschaften zu pflegen. Die Planungshorizonte werden kürzer, die Investitionsbereitschaft in gemeinsame Forschungsprojekte nimmt ab.
Hinzu kommt der Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft. In urbanen Räumen wie Zürich, Basel oder dem Arc Lémanique, aber auch in der Bundesstadt Bern wächst der Dienstleistungssektor deutlich schneller als die produzierende Industrie. Für die Fachhochschulen bedeutet das: Ihr klassisches Partnerfeld – die technisch-industriellen KMU – schrumpft relativ, während neue Felder entstehen, für die die bestehenden Kooperations- und Förderinstrumente noch nicht passgenau ausgerichtet sind.
Dienstleistungsinnovation folgt einer anderen Logik als Produktinnovation. Ein neues Pflegemodell im Spital, ein verbesserter sozialer Dienst, ein digitaler Service im Gesundheitswesen – das sind Innovationen, die genauso wichtig sind wie ein neuartiges Maschinenteil. Aber in den bisherigen Fördergefässen tauchen sie zu wenig auf.
Innosuisse am Scheideweg
Hier liegt eine der grössten offenen Systemfragen: Innosuisse, die Schweizerische Agentur für Innovationsförderung, ist historisch auf die Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und der Privatwirtschaft ausgerichtet – und dabei ursprünglich auf produzierende, technologieentwickelnde Unternehmen. Das war lange angemessen. Es wird es immer weniger. Schönmann spricht in diesem Zusammenhang explizit von Entwicklungsbedarf.
Die Fachhochschulen agieren heute in Feldern, in denen Innovation nicht Produktentwicklung bedeutet, sondern Entwicklung von Dienstleistungen, auch in nicht profitorientierteren Bereichen. Pflege, soziale Arbeit, digitale Dienstleistungen, öffentliche Gesundheitsversorgung – in all diesen Bereichen gibt es realen Innovationsbedarf, der sich nicht sinnvoll über klassische Innosuisse-Projekte mit privatwirtschaftlichen Partnern abbilden lässt.
Aus Schönmanns Argumentation lässt sich eine klare Schlussfolgerung ziehen: Die relevante Unterscheidung für Innosuisse ist nicht privater Partner versus öffentlicher Partner, sondern technologische Produktinnovation versus Dienstleistungsinnovation.
Statt die Fachhochschulen zu ermutigen, vermehrt beim Nationalfonds anzudocken – was das falsche Signal wäre und das Profil verwischen würde –, sollte diskutiert werden, wie Innosuisse seine Instrumente weiterentwickeln kann, um vermehrt Dienstleistungsinnovation auch mit Anwendungspartnern aus dem öffentlichen oder Non-Profit-Sektor einzuschliessen und systematisch zu fördern. Nicht als Ausnahme, sondern als eigenständige Kategorie.
Das Doppelprofil: Notwendigkeit und Gefährdung
Eine Fachhochschule steht und fällt mit ihrem Lehr- und Forschungspersonal. Und hier zeigt sich ein systemisches Risiko, das in der öffentlichen Debatte zu wenig Aufmerksamkeit bekommt: die schleichende Akademisierung des FH-Personals.
Der Hintergrund ist bekannt. Der universitäre Mittelbau ist überfüllt, die Karriereperspektiven sind unsicher, der Druck hoch. Für viele hochqualifizierte Forschende erscheinen FH-Professorinnen- und -Professorenstellen als attraktive Alternative. Das wäre grundsätzlich nichts Problematisches – wenn diese Personen das Doppelprofil mitbringen, das der FH-Auftrag erfordert: eine starke Verankerung im Anwendungsfeld und eine solide akademische Qualifikation.
Das Problem entsteht, wenn Fachhochschulen Personen mit einem rein akademischen Profil einstellen, die zwar hohes SNF-Drittmittelpotenzial haben, aber keine echte Praxiserfahrung und kein Netzwerk im Anwendungsfeld mitbringen. Schönmann nennt das ein reales Risiko: Solche Stellen sind gut gemeint – man holt Qualität ins Haus –, aber sie unterhöhlen das Unterscheidungsmerkmal der Fachhochschule. Sie schaffen Lehr- und Forschungspersonal, das im Referenzsystem der Universität unterwegs ist, an einer Institution, die ein anderes Referenzsystem hat.
Die Leitungen und Träger der Fachhochschulen sind hier in der Verantwortung. Es braucht klare Vorgaben, die den Anteil des Personals mit echtem Doppelprofil schützen – nicht als bürokratische Massnahme, sondern als strategische Selbstbehauptung.
Der dritte Zyklus: Nicht kopieren, sondern neu denken
Eng damit verbunden ist die Frage des Nachwuchses in der FH-Forschung. Wer forschend tätig sein will, braucht in der Schweiz meist ein Doktorat – und das gibt es nur an einer Universität. Das schafft eine strukturelle Abhängigkeit: FH-Forschende müssen entweder den universitären Weg gehen oder auf akademische Führungsrollen in der angewandten Forschung verzichten.
Ein eigenes Fachhochschuldoktorat wäre die falsche Antwort. Es würde das Signal aussenden, Fachhochschulen wollten dasselbe wie Universitäten, nur unter einem anderen Namen. Was stattdessen gebraucht wird, ist ein dritter Zyklus sui generis: eine Qualifizierungsstufe, die explizit auf die FH-Logik zugeschnitten ist. Sie würde von Kandidatinnen und Kandidaten verlangen, im Anwendungsfeld verankert zu sein – oder zu bleiben –, und würde die Forschungsqualifikation mit dem Praxisbezug verknüpfen, statt von ihm zu abstrahieren.
Gemeinsame Graduate Schools, in denen Universitäten, Fachhochschulen und Pädagogische Hochschulen zusammenarbeiten, können ein erster Schritt in diese Richtung sein. Sie ermöglichen es, Doktorierende aus dem FH-Umfeld einzubeziehen, ohne das Referenzsystem der Universität vollständig zu übernehmen. Das ist keine perfekte Lösung – aber es ist ein Weg, der die Systemlogik respektiert, statt sie aufzulösen.
Fazit: Ein Profil, das gepflegt werden muss
Die Stärke der Schweizer Fachhochschulen ist real. Sie liegt in der Praxiseinbindung, in der geografischen Verankerung, in der Fähigkeit, gesellschaftlich relevante Innovation mit konkreten Anwendungspartnern zu entwickeln. Diese Stärke ist im internationalen Vergleich aussergewöhnlich – viele Länder haben den anderen Weg eingeschlagen und die anwendungsorientierten Hochschulen mehr und mehr den Universitäten angeglichen – nicht immer zum Vorteil dieser Hochschulen und Länder.
Aber diese Stärke ist nicht selbstverständlich. Sie muss aktiv geschützt werden: gegen die Versuchung der Akademisierung, gegen Förderinstrumente, die das falsche Profil belohnen, gegen Strukturen, die zwar den Namen Fachhochschule tragen, aber das Wesen nicht mehr verkörpern.
«Gleichwertig, aber andersartig» – das ist eine Verpflichtung, keine Beschreibung. Der Schweizerische Wissenschaftsrat sieht hier Handlungsbedarf – und Potenzial. Die Fragen rund um Innosuisse-Instrumente, Doppelkompetenzprofile und den dritten Zyklus sind nicht nur technische Hochschulfragen. Sie berühren das Fundament eines Systems, das die Schweiz stark gemacht hat: eine differenzierte, leistungsfähige Hochschullandschaft, in der verschiedene Typen nebeneinander existieren können – gleichwertig, aber eben anders.