Zwischen Tradition und Wandel: Kunst- und Musikhochschulen in der Schweiz im europäischen Kontext

08 settembre 2026
Contributo di Schweizerischer Wissenschaftsrat SWR, Geschäftsstelle
#tedesco #francese #Bildungspolitik

Wie lockt man Menschen in Konzertsäle, in Museen, in Ausstellungen? Welche neuen Möglichkeiten bieten sich, Kunst und Publikum zusammenzubringen? Und wofür braucht eine Gesellschaft überhaupt Kunst – und Menschen, die sie professionell betreiben? In einer Zeit, in der Unterhaltung jederzeit und überall verfügbar ist – digital, multimedial, häufig kostenlos –, sind diese Fragen keine rhetorischen mehr. Sie sind existenziell: für Kunstschaffende, die versuchen, eine wirtschaftliche Grundlage für ihr Wirken zu finden; für Institutionen, die sich überlegen müssen, welche Rolle sie in einer veränderten Kulturlandschaft spielen; und letztlich für eine Gesellschaft, die sich fragen muss, was ihr Kunst und künstlerisches Leben wert sind – und was sie bereit ist, dafür zu tun.

Stefan Gies, von 2015 bis 2024 Leiter des Verbandes der europäischen Musikhochschulen (AEC) mit Sitz in Brüssel, kennt diese Fragen aus nächster Nähe. Im Gespräch mit dem Schweizerischen Wissenschaftsrat hat er seine Einschätzung zur Lage der Schweizer Kunst- und Musikhochschulen geteilt.

 

Diese Fragen sind nicht neu. Neu ist die Dringlichkeit, mit der sie sich stellen, und durch die Kunsthochschulen sie heute nicht mehr nur implizit beantworten können – durch gute Lehre und exzellente Absolventinnen und Absolventen –, sondern sie explizit, nachvollziehbar und dokumentiert beantworten müssen. Denn Kunsthochschulen sind Teil des Hochschulsystems. Dass das so ist, hat eine Geschichte. Erst seit einem guten halben Jahrhundert gelten Kunst- und Musikhochschulen überhaupt als akademische Einrichtungen. Mit diesem Status kamen neue Erwartungen – darunter die Frage, ob und wie an Kunsthochschulen geforscht werden kann und soll. Dass künstlerische Forschung heute eine etablierte Praxis ist, ist allerdings kein Produkt bürokratischer Hochschulreform, auch wenn sie oft so wahrgenommen wird. In der bildenden Kunst reichen ihre Wurzeln bis in die Konzeptkunst der 1960er und 70er Jahre. In der Musik ist der Ursprung subtiler: Die historische Aufführungspraxis – verbunden mit Namen wie Nikolaus Harnoncourt oder Gustav Leonhardt – war, rückblickend betrachtet, künstlerische Forschung, auch wenn die Beteiligten diesen Begriff für sich selbst nie in Anspruch genommen hätten. Sie fragten: Wie hat diese Musik ursprünglich geklungen? Welche Spieltechniken, welche Phrasierung, welche Instrumente entsprechen der Zeit ihrer Entstehung? Und sie leiteten aus dem forschenden Umgang mit diesen Fragen eine veränderte Praxis ab – eine Praxis, die das Konzertleben des 20. Jahrhunderts nachhaltig verändert hat.

Den entscheidenden institutionellen Schub gab die Bologna-Deklaration von 1999: Sie zielte auf Vergleichbarkeit in Bezug auf Qualität und Quantität der Studienleistungen, Transparenz und gegenseitige Anerkennung von Hochschulabschlüssen in Europa und erzeugte damit einen Anpassungsdruck, dem sich auch Kunsthochschulen nicht entziehen konnten. Eine der Fragen, die sich dabei stellten: Wie weisen sie nach, dass ihre Abschlüsse gleichwertig sind mit jenen von Universitäten? Die Antwort, die sich schrittweise etablierte: durch nachvollziehbare, dokumentierte, reflektierte Forschung; künstlerische Forschung also als Weg, Qualität und Erkenntnisanspruch sichtbar und vergleichbar zu machen. Bologna hat dafür den Rahmen gesetzt, in dem Kunsthochschulen plötzlich zeigen mussten, was sie tun – und warum es zählt.

Eine Schweizer Besonderheit, die kaum jemand kennt

Wie Europa auf diesen Impuls reagiert hat, ist keine einheitliche Geschichte. Gies beschreibt ein «Europa der verschiedenen Geschwindigkeiten»: Die nordischen Länder und Österreich bewegten sich früh und entschlossen, bauten rasch Systeme auf und besetzten das Feld der künstlerischen Forschung mit klaren institutionellen Strukturen. Deutschland und Frankreich hingegen hielten sich zunächst zurück – ihre renommiertesten Institutionen sahen schlicht keine Notwendigkeit, künstlerische Exzellenz akademisch zu legitimieren: Sie hatten ihren Ruf nicht durch Forschungsnachweise erworben und mussten ihn auch nicht so verteidigen. Die Schweiz befand sich im Mittelfeld – aber sie traf dabei eine strukturelle Entscheidung, die in Europa bis heute ungewöhnlich ist und die von aussen kaum wahrgenommen wird.

Wer im Ausland mit Musikerinnen und Musikern über die Musikhochschule Bern spricht, erhält meistens ein klares Bild: eine Hochschule für Musik, vergleichbar mit den deutschen oder österreichischen Institutionen, auf hohem Niveau, mit eigenem Profil. Was die wenigsten wissen: Die Musikhochschule Bern ist kein eigenständiges Institut, sondern ein Teil der «Hochschule der Künste», die ihrerseits ein Departement der Berner Fachhochschule BFH ist.

Das ist kein Einzelfall, sondern Prinzip. In der Schweiz sind sämtliche Kunst- und Musikhochschulen den Fachhochschulen zugeordnet. Basel, Bern, Luzern – alle sind sie Teil einer grösseren Fachhochschule. Die Zürcher Hochschule der Künste ZHdK nimmt dabei eine Sonderstellung ein: Sie ist als einzige in der Schweiz eine eigenständige Fachhochschule, deren Portfolio ausschliesslich künstlerische Fächer umfasst.

Ausserhalb der Schweiz gibt es dieses Modell in Europa nur in den Niederlanden. «Die meisten wissen das schlicht nicht», sagt Gies. «Die Schweizer Musikhochschulen betreiben ein geschicktes Branding: In der Öffentlichkeit treten sie als Musikhochschule auf, und allenfalls im Kleingedruckten wird sichtbar, dass sie rechtlich Teil einer Fachhochschule sind.»

Diese Zuordnung ist bei vielen Lehrenden und Studierenden unpopulär. Der Vorwurf lautet häufig, man sei als Kunstinstitution in einer Struktur gefangen, die nicht zu den eigenen Ansprüchen passe. Gies teilt diese Einschätzung nur bedingt – und seine Begründung ist aufschlussreich.

Ein struktureller Vorteil, der unterschätzt wird

Fachhochschulen geniessen oft nicht denselben Status wie Universitäten. Im europäischen Vergleich stehen die Schweizer Fachhochschulen trotzdem gut da – und zwar in mehrfacher Hinsicht.

Erstens die Finanzierung: Die Schweizer Fachhochschulen profitieren von einer in Europa ungewöhnlichen Aufteilung der Finanzierungsverantwortung zwischen[LZ1]  Bund und Kantonen, die zu einer soliden und stabilen Grundfinanzierung führt. Dazu kommen – ebenfalls überdurchschnittlich ausgeprägte – Zugangsmöglichkeiten zu staatlichen und privaten Fördermitteln sowie eine intensive Vernetzung mit der Wirtschaft und dem Berufsfeld.

Zweitens – und das ist besonders relevant – verfügen die Schweizer Fachhochschulen über etwas, das in Europa sonst nur die Niederlande kennen: eine institutionelle Grundfinanzierung für Forschung. Andernorts in Europa erhalten Fachhochschulen zwar Zugang zu Fördermitteln, aber diese sind stets projektgebunden und werden kompetitiv vergeben. Die institutionelle Forschungsfinanzierung, wie sie in der Schweiz besteht, ist in Europa sonst universitären Hochschulen vorbehalten. Das hat direkte Konsequenzen: Diese Grundfinanzierung steht in der Schweiz auch den Kunst- und Musikhochschulen zur Verfügung – ein Umstand, den Gies als strukturell aussergewöhnlich, aber durchaus bedeutsam bewertet.

Drittens die internationale Einbindung: Die Zugehörigkeit zum Schengenraum ermöglicht eine Durchlässigkeit der Grenzen, von der die Schweizer Hochschulen im Alltag erheblich profitieren. «Wenn das nicht wäre, sähe es um die internationale Einbindung der Schweizer Hochschulen schon mal deutlich schlechter aus», so Gies.

Das Promotionsrecht: Ein Titel – aber wozu?

Ein zentrales Thema in der europäischen Debatte um Kunst- und Musikhochschulen ist das Promotionsrecht, das diesen Institutionen als Fachhochschulen in der Schweiz nicht direkt zusteht. Technisch ist der Zugang zur Promotion über Kooperationspartnerschaften möglich – aber das ist nicht dasselbe wie ein eigenes Promotionsrecht.

Gies nimmt zu dieser Frage eine Position ein, die differenzierter ist als die gängige Klage. Die eigentliche Benachteiligung sieht er weniger im fehlenden Promotionsrecht an sich als in der Abhängigkeit von externen Gremien, die bei der Beurteilung künstlerischer Forschungsarbeiten weder auf das fachspezifische Beurteilungsvermögen zurückgreifen können, noch den institutionellen Kontext mitbringen, den künstlerische Forschung erfordert.

Aber er geht noch einen Schritt weiter: Er stellt die Grundfrage, was eine Promotion im künstlerischen Kontext überhaupt leisten soll. Eine Promotion erfüllt verschiedene Funktionen gleichzeitig – sie ist Nachweis der Befähigung zu eigenständiger Forschung, Voraussetzung für bestimmte Positionen, Titel mit sozialem Anerkennungseffekt, und manchmal auch Mittel zur Einkommensverbesserung. Die entscheidende Frage ist: Welche dieser Funktionen ist für die Kunst und ihre Weiterentwicklung tatsächlich relevant?

In den meisten europäischen Ländern gilt bei der Vergabe von Professuren an Kunst- und Musikhochschulen die künstlerische – oder, wie Gies es präzisiert, die künstlerisch-pädagogische – Exzellenz als massgebendes Kriterium. Wissenschaftliche oder forschungsbezogene Exzellenz ist dabei kaum relevant. In den USA und Kanada hingegen spielt der akademische Titel eine andere Rolle: Wer dort eine feste Professur anstrebt, benötigt in der Regel einen Doctor of Musical Arts – ein Modell, das aus dem amerikanischen Hochschulsystem erwachsen ist, wo Musikhochschulen traditionell Teil einer Universität sind. Auf Europa lässt es sich nicht ohne weiteres übertragen; die Frage, wie künstlerische Forschungsleistung formal anerkannt werden soll, muss Europa deshalb aus sich selbst heraus beantworten.

Gies' Schlussfolgerung: Das Promotionsrecht ist nicht unwichtig, aber es ist ein Folgethema. Die eigentlich vorgängige Frage ist jene nach dem Erkenntnisinteresse und dem gesellschaftlichen Beitrag der künstlerischen Forschung. Erst wenn diese Frage beantwortet ist, lässt sich sinnvoll darüber urteilen, welche formalen Nachweise und Titel daran geknüpft sein sollen.

Forschung ja – Wissenschaft ein weiter Begriff

Damit verbunden ist eine konzeptuelle Unterscheidung, die Gies für grundlegend hält: Künstlerische Forschung ist Forschung – aber sie ist keine Wissenschaft im klassischen Sinne. «Den Begriff der Wissenschaft würde ich für die künstlerische Forschung nicht in Anspruch nehmen wollen», sagt Gies. Das ist keine Herabsetzung, sondern eine Präzisierung. Und sie gilt nicht nur für die Kunst: In der Medizin, in der Landwirtschaft, in der sozialen Arbeit – in vielen Bereichen, die Fachhochschulen abdecken – stösst der traditionelle Wissenschaftsbegriff an seine Grenzen. Die Schweizer Fachhochschulen, die in ihrem Portfolio so unterschiedliche Felder wie Gesundheitswesen, Gestaltung und angewandte Technik vereinen, stehen inmitten dieses Spannungsfeldes. Die Antwort darauf kann nur ein erweitertes Verständnis von Wissenschaftlichkeit sein, das die Eigenlogik verschiedener Forschungsformen anerkennt, ohne sie auf einen einzigen disziplinären Massstab zu reduzieren.

Drei Herausforderungen für die nächste Dekade

Wenn die strukturellen Voraussetzungen der Schweizer Kunst- und Musikhochschulen vergleichsweise gut sind und die europäische Debatte um künstlerische Forschung sich konsolidiert – wo liegen dann die eigentlichen Herausforderungen? Gies nennt drei Bereiche.

Das Mindset. Die Musikhochschulen sind im 19. Jahrhundert in einem bildungsbürgerlichen Elitedenken verwurzelt worden, das in vielen Institutionen noch immer prägend ist. Zwar haben sie sich in den vergangenen Jahrzehnten für Jazz, Rock und andere Genres geöffnet – aber diese Öffnung verlief häufig einseitig: Nicht die Hochschulen haben sich verändert, sondern die neuen Inhalte haben sich dem bestehenden System angepasst. Der Jazz etwa akademisierte sich, verschriftlichte sich, passte sein Lehrformat an die klassische Musikhochschule an. Was nun gefordert wird, ist ein grundlegenderer Wandel: eine echte Öffnung auch gegenüber musikkulturellen Ansätzen, die andere Formen der Teilhabe und Kommunikation kennen als den schweigenden Konzertsaal.

Digitalisierung und Künstliche Intelligenz. Wie genau KI und Digitalisierung künstlerische Prozesse, die Verbreitung und die Vermarktung von Kunst verändern werden, ist noch offen. Aber dass diese Veränderungen substanziell sein werden, steht ausser Frage. Kunsthochschulen stehen vor der Aufgabe, sich nicht nur reaktiv anzupassen, sondern diese Entwicklungen zu antizipieren und aktiv mitzugestalten.

Der gesellschaftliche Auftrag. Dies ist für Gies der konzeptuell bedeutsamste Punkt. Kunst- und Musikhochschulen haben das Potenzial und auch den Auftrag, neue Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens mitzuprägen. Ähnlich wie Grundlagenforschung in den Naturwissenschaften nicht nur auf unmittelbare Anwendung zielt, sondern gesellschaftlichen Wandel ermöglicht, könnten Kunsthochschulen Orte der Wissens- und Erkenntniserneuerung sein, die über den Konzertbetrieb hinausreichen. Neue Formen der Zusammenarbeit wie «Arts+Health», neue Konzertformate, die aktive Einbindung von Publika in künstlerische Prozesse – das sind Tendenzen, die bereits sichtbar werden.

Die Hochschulen reagieren auf all diese Herausforderungen bereits, aber Gies sieht eine ausgeprägte systemische Trägheit. Solange die Rekrutierung exzellenter Studierender funktioniert und der Konzertbetrieb läuft, fehlt oft der innere Antrieb zur Transformation. Die Impulse kommen derzeit eher von jungen Absolventinnen und Absolventen, die aus eigenem Antrieb neue Wege suchen, weil die alten nicht mehr tragen.

Fazit: Stärke wahrnehmen, Wandel gestalten

Das Gespräch mit Stefan Gies hinterlässt ein Bild, das in dieser Form selten explizit gemacht wird: Die Schweizer Kunst- und Musikhochschulen sind strukturell sehr gut aufgestellt. Die institutionelle Einbettung in die Fachhochschulen, die intern oft als Einschränkung empfunden wird, ist aus europäischer Perspektive auch eine Ressource – nicht zuletzt wegen der Forschungsgrundfinanzierung, die andernorts fehlt.

Die eigentlichen Herausforderungen sind anderer Natur: Sie betreffen das kulturelle Selbstverständnis der Institutionen, ihre Bereitschaft zur gesellschaftlichen Mitgestaltung und ihre Fähigkeit, auf technologischen Wandel nicht nur zu reagieren, sondern ihn aktiv mitzuprägen. Dass darin Potenzial steckt, zeigen nicht zuletzt junge Absolventinnen und Absolventen – wie jenes preisgekrönte Streichquartett, das beginnt, in Altenheimen zu spielen, im Dunkeln, auswendig, ohne Notenständer, und sich damit ein Publikum erschliesst, das nie einen Konzertsaal betreten hätte. Sie tun das nicht, weil sie es an der Hochschule gelernt haben – sondern weil sie die Fragen, mit denen dieser Text begann, für sich selbst beantworten.

Der Schweizerische Wissenschaftsrat nimmt in einem aktuellen Projekt das Fachhochschulsystem in der Schweiz erstmals systematisch in den Blick. Die Kunst- und Musikhochschulen sind darin ein besonderer Fall – klein in der Zahl, gross in der symbolischen Bedeutung, und möglicherweise ein Indikator dafür, wohin sich das gesamte Fachhochschulsystem entwickeln muss: hin zu Institutionen, die nicht nur ausbilden und forschen, sondern aktiv an der Gestaltung gesellschaftlichen Wandels teilhaben.

 

 

Stefan Gies studierte Schulmusik, Sprach- und Musikwissenschaften sowie Philosophie. Von 1996 bis 2015 war er Professor für Musikdidaktik an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden, von 2003 bis 2010 auch deren Rektor. Von 2015 bis 2024 leitete er den Verband der europäischen Musikhochschulen (AEC) mit Sitz in Brüssel. Der SWR führte dieses Gespräch im Rahmen eines Projektes zur Rolle der Fachhochschulen im Schweizer BFI-System 30 Jahre nach Verabschiedung des Bundesgesetzes über die Fachhochschulen (FHSG[LZ2] ).

[LZ1] Wollen wir von Lasten sprechen?

 [LZ2] Etwas zur Motivation sagen, warum der SWR dieses Interview führt.